Ich habe gestern gestreikt und an einer Fridays For Future Demo teilgenommen. Gegen den menschengemachten Klimawandel und für schnellere Maßnahmen, um einer Katastrophe entgegenzuwirken. "Warum machst du das? Du bist doch selbständig. Das bringt dir nix.", diese berechtigte Nachfrage - die mir sehr oft gestellt wurde - möchte ich mit diesem Blogpost beantworten.

Der Status Quo

Wir leben in einer Welt der Mobilität, wir leben in einer Welt des Handels, wir leben in einer guten Welt. Es geht uns Menschen in einer westlichen Gesellschaft besser als je einer Generation zuvor. Randbemerkung: Ich spreche hier nur von westlichen Gesellschaften. Denn so unangenehm es mir ist, es zuzugeben: Ich habe keine Ahnung welche Lebensrealität andere Gesellschaften haben. Es hat für unsere Gesellschaft immer Rückschläge gegeben, seien es die Weltkriege, der kalte Krieg, die Immobilienkrise, und vieles mehr, und doch haben wir es geschafft weiterzuleben und trotz aller Widrigkeiten eine bessere Welt zu schaffen.

Die Krise

Im Moment steht unsere Gesellschaft in meinen Augen vor einer Herausforderung von einem Ausmaß des zweiten Weltkriegs: Der Klimakrise. Immer mehr Menschen geben auf und sagen, es habe keinen Zweck mehr. "Was kann ich schon ausrichten?", "Was geht mich das Klima an, wenn andere nicht auch mit anpacken?", "Wieso soll ich auf irgendetwas verzichten?", sind nur einige Beispiele für Sätze, die ich immer häufiger höre. Ich kann verstehen, wo diese Menschen herkommen, ich kann verstehen, warum diese Menschen so denken, aber ich kann diesen Fatalismus nicht akzeptieren. Und in Zeiten des Fatalismus gibt es ein Wunderheilmittel das immer wirkt: Hoffnung.

Der Plan - Plantprogrammer Undercover

Da ich berufsbedingt immer wieder mal fliege, habe ich lange darüber nachgedacht, was kann ich für diese Welt tun. Ich spare mir die Aufzählung an Kleinigkeiten, die ich nach und nach in meinen Alltag einschleiche. Ich kann noch etwas. Ich kann Menschen um mich herum inspirieren und motivieren. Da ich selbst inzwischen in die Kategorie Geschäftsreisende gehöre und ungefähr weiß welches Auftreten Geschäftsleute in meinem Alter am Flughafen so haben, habe ich mich gestern in meinen Lieblingsanzug geworfen, einen leeren Koffer und einen auffüllbaren Kaffeebecher mitgenommen, und bin zum Düsseldorfer Flughafen gefahren. Mein Ziel: Menschen inspirieren. Am Flughafen sollte um etwa 13 Uhr der Demozug von Fridays For Future Terminalgebäude Abschnitt A erreichen. Unter dem Hashtag #BleibAmBoden demonstrierten die düsseldorfer (und andere angereiste) Fridays For Future Teilnehmer*innen gegen innerdeutsche Flüge, für eine stärkere Besteuerung von Kerosin bzw. der resultierenden CO2-Emissionen. Zum Abschluss war ein Die-In - ein symbolisches Sterben - im Terminalgebäude auf der Abflugebene geplant.

Der Flyer

Während des Demozugs stand ich am Rand und habe mir das Spektakel angeschaut und wurde auch just von Journalistinnen verschiedener Zeitungen aus dem Umfeld Düsseldorf gefragt, ob ich dazu was sagen möchte. Ich könnte schwören, die erste hat sogar gefragt, ob ich da was gegen habe, wo ich doch scheinbar heute hier reise. Aber hier geht es gar nicht um schlechten Journalismus, sondern um die Außenwahrnehmung, die ich dort erwirken wollte. Eine Jugendliche kam mit einem Flyer auf mich zu, lächelte freundlich und fragte: "Darf ich Ihnen Informationen geben, warum wir hier heute streiken?" und ich antwortete: "Sehr gerne. Darf ich den Flyer fotografieren, das spart später Papiermüll ein?" Es hat einen kleinen Augenblick gebraucht, bis sie mich wieder anschaute, mit einem Strahlen in den Augen, als hätte ich ihr gerade ein lange ersehntes Geschenk gemacht, und sagte: "Selbstverständlich, das ist ein toller Gedanke."

Das Die-In

Zurück im Terminal habe ich geduldig gewartet, bis sich die Demonstrant*innen in einem markierten Bereich versammelt hatten. Das Personal vom Flughafen Düsseldorf hat sich nicht mit Ruhm bekleckert und versucht, niemanden in den Bereich hineinzulassen; auch Demo-Teilnehmer*innen wollten sie teilweise nicht hineinlassen. Eine kurze Ansage später, wurden dann Jahreszahlen hochgezählt und bei einer (ich kann mich leider nicht erinnern welche genau) haben sich alle auf den Boden gelegt. Eine etwas morbide Art, und doch eine, die ankommt. Ich habe mir das für drei Sekunden angeschaut und bin dann schnurstracks auf die Gruppe zugelaufen. Das Airportpersonal hat mich mit "Hallo" angesprochen und ich habe kurz meinen Kopf gedreht, gelächelt und freundlich "Hallo" gesagt und bin weitergegangen. Zwei Schritte weiter hatte ich bereits den Knopf an meinem Sakko offen und begonnen mich hinzusetzen, als die nicht mehr ganz so freundliche Dame vom Airportpersonal zu einem zweiten halbunterbrochenen "Ha..." angesetzt hat. Aus der Sitzposition habe ich mich dann zu den Demonstrant*innen gelegt, beide Arme von mir gestreckt, in der einen Hand den Kaffeebecher in der anderen den Griff vom Koffer. Und dann lag ich da und habe gewartet. Randnotiz: Es war ein relativ warmer Tag in Düsseldorf und sich dann auf den Marmorboden eines Flughafens zu legen ist sehr erfrischend. Es hat keine Probleme gegeben und die Polizei hat später nochmal bestätigt, was das Flughafenpersonal offenbar nicht wusste, man kann sich jederzeit einer Demonstration anschließen oder dieser entziehen (hier signalisiert durch Aufenthalt in oder außerhalb der markierten Fläche).

Das Warum

Jetzt habe ich Dir versprochen die Eingangsfrage "Warum machst du das als Selbständiger?" zu beantworten. Diese Geschichte und eine Kurznachricht, die ich etwas später von einer Bekannten erhielt, bergen die Antwort.  Die Kurznachricht lautete in etwa: "Eine kam zurück und hat erzählt, dass sich da auch ein Mann im Anzug hingelegt hat. Die hat sich nicht mehr eingekriegt." Na, weißt Du was die Antwort ist?

HOFFNUNG

Diese jungen Menschen, die jeden Freitag auf die Straße gehen und um Gehör kämpfen, haben keine Kämpfe verdient, sie haben Hoffnung verdient. Und ich bin gestern dorthin gegangen und habe mich so gekleidet, um ein paar junge Menschen darin zu bestärken: Es lohnt sich. Es gibt noch Hoffnung. Es gibt Erwachsene die zuhören. Das ist gestern mein Beitrag an unsere Gesellschaft gewesen und dafür nehme ich gerne einen Tag Verdienstausfall in Kauf.

Wenn Du das liest und auf nichts verzichten möchtest, fein, Du hast meinen Segen. Aber gib den Menschen um Dich herum wenigstens die Hoffnung und Zuversicht, die sie jetzt gerade brauchen, um uns alle zu retten.