Es ist natürlich kein Diebstahl und alles ist bezahlt, es fühlt sich aber ein bisschen so an. Mein Erlebnis mit Scan&Go habe ich hier für dich zusammengefasst.

Ich war für dich einkaufen und habe etwas völlig abgefahrenes erlebt. Denn ich habe Edekas Scan&Go System ausprobiert. Edeka hat mich weder aufgefordert noch dafür bezahlt, diesen Post zu schreiben. Falls das jemand von Edeka liest: Ich bin natürlich trotzdem offen für Kooperationen, bei denen ich bezahlt schreibe, solange das entsprechend gekennzeichnet ist :)

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Normales Einkaufen

Wenn ich einkaufe, benutze ich meistens diese Tragekörbe, die es in Supermärkten gibt, damit ich direkt abschätzen kann, wie viel ich nach hause tragen kann. Ich kaufe in 98% der Fälle nicht mit einem Auto ein. Im Laden packe ich alle Artikel zuerst in den Tragekorb, dann aufs Kassenband und schließlich in meine Tragetasche. Meinen Pfandbon, wenn ich einen habe, gebe ich persönlich ab, bevor ich einräume. Meistens habe ich die fertig kassierten Artikel erst zur Hälfte eingeräumt, wenn ich darum gebeten werde, zu zahlen. Ab dann habe ich die nächsten Kunden im Rücken, die ungeduldig darauf warten, dass ich zahle UND fertig gepackt habe (am besten gleichzeitig). Warum bin ich mir so sicher, dass sie ungeduldig sind? Sie stehen neben mir, bevor ich bezahlt habe. Früher musste ich die Kunden hinter mir regelmäßig zurückschicken, um meine PIN verdeckt einzugeben. Nicht jedes Einkaufen läuft so ab, das Beispiel ist aber exemplarisch für die Tage, an die ich mich lebhaft erinnere.

Kurzum: Einkaufen ist manchmal stressig und unhandlich wegen des ganzen Hin- und Herpackens.

Einrichtung von Scan&Go

Vor 4 Wochen ist mir das erste Mal eine Werbetafel für Scan&Go an meinem lokalen Supermarkt aufgefallen. Gleichzeitig hat eine der Kassen eine neue Schranke bekommen mit einem Scan&Go Label und einem QR-Code Scanner in der Stele.

Mein erster Versuch mit Scan&Go war die App aus dem AppStore (iOS) herunterzuladen. Unter "Scan&Go" habe ich alles gefunden, aber keine Edeka-App. Also habe ich beim nächsten Besuch den QR-Code der Werbetafel verwendet. Für alle, die nicht suchen wollen. Die iOS App heißt Edeka (von Edeka AG)* und die Android-App ebenfalls. In diesem Blogpost berichte ich über meine Erfahrungen mit der iOS App. Ich schreibe das, weil die Android-App im Playstore deutlich schlechtere Bewertungen hat und ich das nicht beurteilen kann.

\* Achtung: Edeka von Supersmart LTD scheint etwas altes oder anderes zu sein

Die Registrierung des User-Accounts ohne Bezahlfunktion benötigt nur wenige Minuten und die Angaben Geschlecht (Mann / Frau wählbar), Name, E-Mail-Adresse und Passwort. Für die mobile Bezahlfunktion musst du deine vollständige Adresse und ein gültiges Zahlungsmittel (z.B. Kreditkarte oder – aus meiner Erinnerung – auch Lastschrift) angeben, sowie eine Pin und als optionalen Ersatz dafür ein anderes Sicherheitsfeature (z.B. FaceID). Die Datenschutzerklärung liest sich etwas abenteuerlich, weil mehrere Firmen an der Datenverarbeitung beteiligt sind. Mir sind allerdings keine Bedingungen aufgefallen, die man nicht aus einer Einkaufs-App erwarten würde. Sprich: Edeka wird das Einkaufsverhalten ganz sicher analysieren und nutzen, eine Weitergabe (insbes. Verkauf) der Daten an unbeteiligte Dritte scheint aber nicht zu passieren.

Der erste Einkauf

Vor dem ersten Einkauf musste ich der App noch Zugriff auf die Kamera (zum Scannen der Barcodes) und Zugriff auf die Standortdaten geben. Diese sind auf der einen Seite notwendig, um den richtigen Markt zuzuordnen, bei genauen Standortdaten kann ich mir aber zumindest plausibel vorstellen, dass über kurz oder lang die Laufwege /Verweilorte im Laden von Interesse für Edeka sind.

Mit meiner Tragetasche über dem Arm und dem Telefon in der Hand bin ich los durch den Laden. Erste Hürde: Gemüseabteilung! Also nicht wegen des Gemüses, sondern wegen der Scanfähigkeiten der App. Fertig abgepacktes Gemüse ging wie von selbst. Barcode scannen, fertig. Dann kam die Schlangengurke, ein Artikel mit Stückpreis. Ich habe dann nochmal einen Blick aufs Preisschild geworfen und siehe da, die Preisschilder haben alle die Artikelbarcodes. Also Preisschild gescannt, fertig. Nächster Halt, Bananen, ein Artikel mit Kilopreis. Als erstes habe ich versucht den Barcode auf dem Preisschild zu scannen in der Erwartung danach ein Gewicht eingeben zu können. Das funktioniert aber nicht. Du musst das Obst/Gemüse ganz normal wiegen und bekommst einen Aufkleber, den du dann scannen kannst. Das ist nicht super schön, weil das verhinderbarer Müll ist, aber sei's drum, beim Kaufen an der Kasse hätte ich den Aufkleber ja auch. Vielleicht gibt es hier in Zukunft nochmal eine Verbesserung.

Weiter geht es mit dem Einkauf und ich bin immer mehr und mehr begeistert, wie rasend schnell die Kamera auf die Barcodes reagiert. Viel schneller als ich es von USB-Laserscannern gewohnt bin. Und es funktioniert auch bei verknitterten oder gebogenen Codes hervorragend. Meine Tasche füllt und füllt sich, doch das leichte Gefühl, dass es komisch ist, alles direkt in die Tasche zu packen, bleibt. Fühlt sich das als Ladendieb so an?

Greifen, scannen, wegpacken, greifen, scannen, wegpacken. Was bei den ersten fünf Artikeln ein bisschen holprig war, ist am Ende meines ersten Einkaufs schon Routine. Meine Tasche ist voll und ich klicke auf "Bezahlen".

Der Bezahlvorgang

Im Bezahlvorgang kann ich auswählen zwischen "An der Kasse zahlen" und "Mobil bezahlen". Da ich meine Kreditkarte verknüpft habe, bezahle ich mobil und bekomme meinen Kassenbon angezeigt. In der rechten unteren Ecke erscheint ein Button "Schranke öffnen" – obwohl die schon offen ist... Ich klicke auf den Button und bekomme einen QR-Code zum Öffnen der Schranke. Das Einlesen hat nicht funktioniert, weil die Schranke eh schon offen war und ich denke mir: "Ich kann doch jetzt nicht einfach rausgehen!?!" (s. Tweet)

Ende vom Lied war, ich bin durch die (immer offene) Scan&Go Schranke gegangen und dann zurück zur nächsten besetzten Kasse und habe nachgefragt. Das Personal kannte das Scan&Go noch nicht, aber nach etwas Herumgeklicke im Kassensystem und Abgleich mit meinem Kassenbon, war die Aussage: "Wenn Sie so bezahlen, können Sie tatsächlich einfach direkt rausgehen."

Fazit

Taschen vollladen und an der Kasse vorbeigehen. Was sich anfühlt wie Ladendiebstahl wird meine neue Normalität werden. Denn die Zeit, die ich zusätzlich zum Scannen brauche, spare ich ungefähr ein durch das Korb wieder ausladen und Tasche einladen an der Kasse. Zusätzlich bekomme ich die Zeitersparnis mich überhaupt nicht an der Kasse anstellen zu müssen. Für mich hat Einkaufen durch diese App eine neue Attraktivität gewonnen, weil ich nicht wirklich gerne lange in Supermärkten bin und ich das jetzt deutlich abkürzen kann.

B-Sides

Bei meinem ersten Einkauf habe ich wie so oft vergessen, meinen Pfandbon einzuscannen (was ich in Zukunft direkt am Rückgabeautomaten mache). Als ich fünf Schritte aus dem Laden raus war, dachte ich, dass ich vermutlich noch richtig geortet bin und den Pfandbon von der Straße aus einlösen kann. Allerdings kann man negative Bilanzen nicht mobil bezahlen, sondern muss zur Auszahlung dann an die Kasse.
Das liegt in meinen Augen nur daran, dass Edeka keine Überweisungen auf die Kreditkarte macht, da ich beim nächsten Einkauf den Pfandbon mit dem Einkauf verrechnen konnte ohne an die Kasse zu müssen.

Generell habe ich das Bezahlen an der Kasse nicht ausprobiert, weil mir die Schlangen einfach immer zu lang waren.

Den Einkauf von besonders gegen Diebstahl gesicherten Artikeln (z.B. Schnaps) habe ich nicht ausprobiert, gehe aber davon aus, dass die Bezahlung dann an der Kasse stattfinden muss.

Einer der Einkäufe war ohne Tragetasche, direkt in Rucksack und Jackentaschen, so viel wie ich halt tragen konnte. Die Blicke der Umstehenden, wie ich mir immer mehr Artikel in den Rucksack und die Jacke gesteckt habe war eine spannende Mischung zwischen Scham und Unglaube. Und trotzdem hat niemand irgendetwas gesagt oder mich befragt. Es hat fast den Eindruck gemacht, als würde man, wenn man klaut (soll natürlich niemand, ist eine Straftat), besser abschneiden, wenn man es so richtig dreist im Blickfeld aller macht. Meine Vermutung ist folgender innerer Dialog in den umstehenden Menschen: "Klaut der etwa gerade? Aber nee, dann würde der das ja heimlicher machen. Niemand klaut so offensichtlich. Es geht mich ja auch gar nichts an."

Security

Das wäre nicht mein Blog, wenn ich nicht auch auf das grundlegende Gefühl gegenüber der IT-Sicherheit eingehen würde. Ich habe mir nichts bewusst angeschaut, alle folgenden Beispiele sind ein Beifang der Nutzung. Ob und wie viele Daten z.B. zwischen App und Server fließen und ob da Unnötiges / Vertrauliches drin ist, habe ich mir nicht angeschaut. Alle Punkte stammen aus einer marktüblichen Nutzung der App. ACHTUNG: Dieser Abschnitt ist reine Spekulation und nicht zur Umsetzung geeignet.

  1. Pfandbons: Beginnend mit dem Elefanten im Raum. Wer meine früheren Publikationen kennt, wird sich fragen, ob es nicht unsicher ist, das Scannen eines Pfandbons dem User zu überlassen und nicht weiter zu verifizieren. Die offizielle Stellungnahme damals (nicht bei Edeka) war, dass die Pfandbons vom Rückgabeautomaten in einer Datenbank registriert werden und bei Verwendung dann gesperrt. Experimente von anderen haben gezeigt, dass diese Stellungnahme nicht korrekt ist.
  2. QR-Code für Schranke: Ich habe mir den QR-Code nicht im Detail angeschaut, aber die Größe lässt darauf schließen, dass a) wenig Redundanz und b) wenig Daten drinstecken. Daher vermute ich, dass es entweder immer derselbe ist und in den Daten der Markt gespeichert ist, oder es so etwas wie das aktuelle Datum ist. Jedenfalls wirkt der QR-Code auf mich leicht fälschbar. Wenn man jemanden findet, der Screenshots von solchen Codes hat, kann man da vielleicht mehr herausfinden.
  3. Artikel-Barcode-Scanner: Wenn man Barcodes einscannt, die nicht in der Datenbank vorhanden sind, bekommt man die Meldung: "Dieser Artikel wurde nicht erkannt. Behalten oder verwerfen?" Was passiert, wenn Sonderzeichen in den Barcode kodiert werden und ob die abgefragte Produkt-DB ein entsprechendes Escaping hat, wissen nur die Götter der heiligen SQLi-Kirche (Lies: Eskli-Kirche)
  4. Schranke (eigentlich keine IT-Sicherheit): Wenn es eine Schranke gibt, die man erst nach dem Bezahlen durchschreiten darf, warum steht sie dann in bisher 3 von 4 Einkäufen offen?

TL;DR

Das Einkaufen mit Scan&Go ist für mich um Welten besser als traditionell an der Kasse anstehen zu müssen und meine Artikel hin- und herzuräumen vom Korb aufs Band in die Tasche...

Was mich extrem beeindruckt hat, ist die Scan-Geschwindigkeit der Artikel-Barcodes.

Nicht alle Artikel sind direkt gelabelt und die Barcodes befinden sich stattdessen auf dem Preisschild am Regal.

Selbst Pfandbon einlösen geht super easy, wenn du dadurch nicht auf einen negativen Gesamtbetrag kommst (sonst musst du an die Kasse).

Ich habe bei 4 Einkäufen bisher 0 Wartezeit an der Kasse gehabt. Und grob von der Schlangenlänge geschätzt bedeutet das eine Zeitersparnis von ungefähr 40 Minuten.

Feature Requests

Für den Fall, dass diesen Post jemand von Edeka oder der Softwareentwicklungsfirma liest, es gibt ein paar Features, die ich mir in der App wünsche.

  1. Wenn ich die Einkaufslisten-Funktion der App nutze, hätte ich gerne, dass Artikel, die ich einscanne automatisch aus der Liste verschwinden.
  2. Wenn ich einen Artikel fünf mal kaufe, muss ich aktuell fünf mal separat einscannen. Ein + und ein - Button, um die Anzahl im Warenkorb zu verändern wäre ein Traum. Oder falls das nach dem Scannen nicht mehr möglich sein soll, dann eine Möglichkeit vorher eine Anzahl anzugeben und dann den Code zu scannen, so wie das an der Kasse auch passiert.
  3. Obst/Gemüse zur Einwaage würde ich gerne Scannen (am Preisschild) und dann das Gewicht eintippen (abgelesen von der Waage), um den unnötigen Etikettenmüll zu verhindern.
  4. Ich hätte gerne einen maschinenlesbaren Export meines Kassenbons als CSV oder ähnliches Format