Ein Blogpost von Simon Schliesky und Nina Eckertz

"Es ist Corona? Dann machen wir die Lehre halt online!" So einfach ist es leider nicht: In diesem Artikel teilen wir unsere Erfahrungen und Tipps, wie Du als Trainer:in einen Kurs online gestalten und als Teilnehmer:in das Beste für dich herausziehen kannst.

Inzwischen haben es alle mitbekommen: Präsenzlehre ist zur Zeit nur schwierig umsetzbar. Sowohl Universitäten und Schulen als auch persönliche Weiterbildungsangebote sind durch etwaige Ausgangbeschränkungen und die Ansteckungsgefahr eingeschränkt.
Die Situation rund um das neuartige Coronavirus hat uns gezwungen umzudenken und gibt uns die Möglichkeit Online-Lehre komplett neu anzugehen.

Die Idee des verteilten Hörsaals oder der Online-Lehre ist nicht neu und Plattformen wie udemy, Khan Academy oder skillshare haben gezeigt, dass es möglich ist, Lernangebote online anzubieten. Diese Angebote vereint, dass sie zu großen Teilen aus Frontalunterricht bestehen und kaum Möglichkeit zur Interaktion bieten. Das gleiche gilt für die genialen Archive an Vorlesungsaufzeichnungen von MIT und Stanford. Auch im Fall deutscher Universitäten und Hochschulen werden bereits Lernmaterialien und gegebenenfalls Vorlesungsaufzeichnungen mit Plattformen wie Ilias für Studierende zur Verfügung gestellt.

Wir finden: Die beste Lösung für die digitale Lehre sind Online-Workshops.

Warum ist ein Online-Workshop besser?

Viele Lehrveranstaltungen im deutschsprachigen Raum finden aktuell bereits online in der Form von Vorlesungsaufzeichnungen oder Webinaren statt. Alle sind sich einig, dass die Online-Lehre in Zeiten von Corona Vorteile bietet: nämlich kontaktfrei zu lernen. Und Online Workshops, die aus den eigenen vier Wänden erreichbar sind - egal ob zur Teilnahme oder zur Ausrichtung - sparen viel Zeit. Schließlich entfallen Reisezeiten. Doch darüberhinaus bietet es gerade langfristig viele Chancen.
Die Unabhängigkeit von Ort und Zeitzone ermöglicht ganz neue Formate. Teilnehmer:innen und Lehrende können aus Deutschland oder der ganzen Welt zusammenkommen. Auch neue Formate wie kurze regelmäßige After-Work-Kurse zur Weiterbildung, die vorher durch die Reisezeit unwirtschaftlich waren, werden möglich.
Außerdem bieten Online-Workshops eine beispiellose Flexibilität, da man von jedem Ort aus teilnehmen kann, der über eine stabile Internetverbindung verfügt. Online Kollaborationstools von Mural bis zur Google Suite und Kommunikationsdienste wie Skype oder Discord ermöglichen effizientes gemeinsames Arbeiten.

Was ist der neue Bedarf

Die Erfahrungen der letzten Wochen und Monate zeigen: Wir brauchen eine Online-Landschaft die es Teilnehmenden ermöglicht:

  1. Einer Erklärung zu folgen.
  2. Fragen zu stellen.
  3. Sich untereinander auszutauschen.
  4. Eigenständig an Projekten und Aufgaben zu arbeiten
  5. Die eigene Lerngeschwindigkeit ablenkungsfrei zu kommunizieren.
  6. Das eigene Projekt mit Dozierenden und Teilnehmenden zu teilen.
  7. Einen Rückzugsraum für Pausen aufzusuchen (auch durchaus im sozialen Umfeld)

Was muss anders gedacht oder umstrukturiert werden?

Grundlegend ist bei Online-Workshops zu beachten, dass diese viel störungsanfälliger sind als persönliche Workshops.
Dies liegt unter anderem daran, dass jederzeit das Internet ausfallen kann, sowohl bei Teilnehmer:innen als auch bei Dozent:innen. Daher sollten die bereitgestellten Materialien und die Workshop-Agenda gut durchdacht sein und einkalkulieren das bei alle etwas ausfallen kann.
Bei der Organisation unserer Workshops hat es sich bezahlt gemacht, einen zentralen Anlaufpunkt zu haben, bei dem alle jederzeit das Programm einsehen können, für den Fall, dass sie etwas nicht mitbekommen haben. Wir haben schnell gemerkt, dass mehr Pausen dringend notwendig sind, weil es für alle anstrengender ist. Reizüberflutung und Ablenkung sind gerade im Home-Office ein großes Hindernis sich zu konzentrieren. Ein Lösungsansatz sind großzügige Pausen. Unsere Empfehlung: 1 Stunde Mittagspause und je 90 Minuten Workshop 15 Minuten Pause als Minimum einrechnen. Dadurch fällt die effektive Workshopzeit bei einem 8 Stunden Tag auf 6 Stunden.

Auf zwischenmenschlicher Ebene gibt es weniger Interaktion zwischen den Teilnehmer:innen und den Dozent:innen, da man sich nicht in Person gegenübersteht – Mimik und Gestik sind auch bei Videochats nur bedingt einsetzbar. Als Workshopleiter:in muss man sich damit arrangieren, dass man gegebenenfalls ins Leere spricht (vor allem bei Frontalunterricht).
Für Teilnehmer:innen entsteht oft eine höhere Hemmschwelle, mit Mikrofon und Webcam aktiv am Workshop teilzunehmen als im Klassenraum. Für viele ist die Online-Situation zunächst befremdlicher und für die Eingewöhnungsphase muss Zeit eingeplant werden. Unserer Erfahrung nach ist dies schneller zu erreichen, wenn man Teilnehmer:innen zum Kennenlernen erstmal in Kleingruppen einteilt.

Auch die persönliche Beziehung zwischen Teilnehmer:in und Trainer:in muss anders aufgebaut werden, weil der persönliche Kontakt fehlt, z.B. Mittagspausengespräche oder kurze informelle Nachfragen beim Kaffee. Gerade bei Teilnehmer:innen, bei denen wir 1-zu-1-Coachings und individuelle Gespräche geführt haben, haben wir eine höhere Motivation und Eigeninitiative wahrgenommen.
Während Trainer:innen im Klassenraum Einzelbetreuung im Flüsterton leisten können, kommt es bei Nachfragen bzw. erneuten Erklärungen in Online-Kursen für andere gegebenenfalls zu Verwirrung. Auch hier sind 1-zu-1-Gespräche oder Kleingruppen (max. 3 Leute) empfehlenswert.

Welches Setup empfehlen wir?

Komplett Open Source und selbstgehostet

Der Vorteil von selbstgehosteter Open Source Software ist ganz klar der Datenschutz. Es müssen keine Drittanbieter AGB gelesen und bestätigt werden, da alle Daten beim Betreiber (d.h. Workshopleiter:in) liegen.
Wenn es selbstgehostet sein darf, empfehlen wir Big Blue Button als Webinarlösung. Für die Installation ist ein Server notwendig der (z.B. bei Hetzner) etwa 40€/Monat kostet. Die Installation ist dank automatisierter Skripte denkbar einfach. Für das Treffen in Kleingruppen oder 1-zu-1 und für Bildschirmübertragung bei der individuellen Betreuung empfehlen wir jitsi Meet. Zum gemeinsamen Arbeiten an Text eignet sich CodiMD oder Etherpad am besten. Hier können kollaborativ Texte, Protokolle und Konzepte geschrieben und geteilt werden. Wenn die Zusammenarbeit grafischer sein soll, gibt es WBO, ein Open Source Whiteboard Tool, bei dem alle Teilnehmer:innen malen, Texte hinzufügen und primitive geometrische Formen erstellen können. Für Programmierung bietet es sich an, eine der Sprache entsprechende Online IDE zu installieren.
Die Kosten für dieses Setup liegen etwa bei 60€/Monat + 2-3 Tage Einrichtungszeit + 2 Stunden pro Monat für Wartung (Updates installieren, Backups prüfen, etc.).

Kommerziell

Bei der Nutzung von kommerziellen Tools (nicht Open Source) spart man sich häufig einen Teil der Einrichtungszeit und die Wartung. Für den frontalen Webinarteil empfehlen wir hier Edudip (69-99€/Monat für bis zu 100 Teilnehmer:innen). Das Treffen in Kleingruppen mit Audio- und Textchat klappt hervorragend in Discord (kostenlos). Auch Bildchirmübertragungen für persönliche Betreuung sind hier seit kurzem möglich. Für die Kollaboration an Texten und Whiteboardskizzen empfehlen wir die Tools von Google, also Google Docs für Texte, Google Spreadsheets für Tabellen und Google Jamboard fürs Malen auf dem Whiteboard. Die Einrichtungszeit liegt bei 1-2 Tagen.

Trainer:innen Teamgröße

Auf personal-technischer Seite hat sich bei uns ein Team aus zwei bis drei Trainer:innen bewährt. Eine, die allgemeine Dinge erklärt, eine, die den Chat allgemein beobachtet und Fragen anmoderiert und gegebenenfalls eine, die im Hintergrund Unterstützung leistet und einzelne Fragen privat beantwortet. Das ist natürlich sehr abhängig von Workshop Thematik, Umfang, Teilnehmer:innenzahl und Affinität zu Online-Lösungen.

Welche Lücken gibt es noch zu schließen?

In einem verteilten Online-Workshop kommen Teilnehmer:innen mit verschiedensten Hardware-Setups und Internetkapazitäten zusammen. Der Vorteil eines vorbereiteten Klassenraumtrainings mit vorinstallierten Leihnotebooks geht verloren. Eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken könnte die Einrichtung einer virtuellen Maschine (zum Beispiel mit Virtualbox) sein, was wiederum einen gewissen Einrichtungsaufwand mit sich bringt, dafür aber eine homogene IT-Infrastruktur für alle schafft.
Ein Technikcheck vor dem Workshop muss designt und durchgeführt werden, wie dieser aussieht ist pauschal nicht zu beantworten.
Im Klassenraum können die Trainer:innen auf den Bildschirm der Teilnehmer:innen schauen, um Fehler schneller zu verstehen. Da dies auf Distanz nicht immer möglich ist (Bildschirmübertragung kommt dem am nächsten), bedarf es Programmen, die es unterstützen, den aktuellen Stand live (am besten als Multiuser-Tool) zu teilen.
Aber wann brauchen Teilnehmer:innen Hilfe? Können sie dem Workshop folgen? Diese Frage zu beantworten obliegt normalerweise den Trainer:innen. Ein Blick in die Gesichter aller Teilnehmer:innen sagt geschulten Trainer:innen, ob es schneller oder langsamer gehen sollte und ob jemand das aktuelle Thema noch nicht verstanden hat. Für Remote-Workshops fehlt noch eine Lösung, die diese Lücke schließt. Wir stellen uns eine Art Stimmungs-Tagebuch vor, das alle 30 Minuten kurz fragt 😀😕😩 und live an die Trainer:innen zurückgemeldet wird.
In interaktiven Übungen wäre es schön, könnten alle Teilnehmer:innen anklicken, dass sie mit der Übung fertig sind (äquivalent zum kurzen Blick auf den Bildschirm bei Klassenraumschulungen). Eine dauerhafte Überwachung der Bildschirme mittels Tools wie RemoteAdmin halten wir für kontraproduktiv, weil sie das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer:innen und Teilnehmer:innen beschädigen.

Wie viel Aufwand ist es ein Schulungskonzept auf Online umzustellen?

In diesem Artikel haben wir einen Kurzüberblick der verfügbaren Technologien und Konzepte gegeben. Natürlich kratzen wir damit nur an der Oberfläche. Grundsätzlich kann man sagen, braucht es 2-4 Tage um sich eigenständig in alle Programme einzuarbeiten und die Dynamik als Trainer:in einmal zu testen. Jede Schulung ist individuell, weshalb es schwierig ist pauschal zu sagen, wie viel Aufwand eine Umstrukturierung mit sich bringt. Als konservative Schätzung gehen wir von maximal 1 Tag pro 2 Schulungstage aus. Gerne unterstützen wir Dich dabei, deinen Kurs onlinetauglich zu machen, schreib uns einfach Deine Anforderungen und wir melden uns mit einem individuellen Angebot.
Für den Fall, dass sich eine Gruppe von 5-12 Interessierten findet, können wir eine Kompaktschulung (2 Tage oder 1 Tag + 3x After-Work) zu den Tools veranstalten.
Hast Du Fragen, die hier nicht beantwortet wurden? Schreib uns gerne, wir nehmen die Frage dann gegebenenfalls samt Antwort in diesen Post auf.

TL;DR

Zusammenfassend: Achte darauf mehr Zeit als üblich einzuplanen, Onlinekurse sind anstrengender für beide Seiten. Außerdem können technische Probleme Zeit kosten (Internet fällt aus, Windows Updates, etc.). Teste die Technik auf deiner Seite bevor die Schulung losgeht. Falls bestimmte Tools (oder user accounts) bei den Teilnehmer:innen vorausgesetzt werden, stelle sicher, dass sie installiert/angelegt sind. Überlege Dir z.B. ein Quiz, das vor Kursstart ausgefüllt werden muss, welches Infos abfragt die man nur im Programm / mit dem Account bekommt. Neben dem Bedarf an mehr Pausen, braucht es auch eine Möglichkeit sich in den Pausen informell zu unterhalten und zu netzwerken, bspw. in einem expliziten Ort wie etwa dem Voice-Chat auf dem Discord Server. Der Frontalunterrichtsteil und der interaktive Übungsteil der Schulung sollte auf unterschiedlichen Plattformen stattfinden, damit der Wechsel intuitiv deutlich ist. Damit alle immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, braucht es eine zentrale Informationsquelle, bei der alle Links zu Video- und Audiochats, allen Ressourcen und Uhrzeit so wie Ort des nächsten Treffens, jeder Zeit zu finden sind.

Unser Setup für IT-Kurse (Programmierung und App-Design) besteht aus Edudip für den Frontalunterricht, Discord für Einzel- und Gruppenarbeit, verschiedenen Discordkanäle mit Informationen zu Links und Zeiten und Online IDEs für die Programmierung (z.B. JSFiddle für JavaScript). Unten haben wir für dich noch eine Liste mit gängigen Tools erstellt.

Final words

Wir freuen uns, wenn Dir diese Zusammenstellung unserer Erfahrungen und Tipps hilft, deinen eigenen Workshop online zu gestalten oder als Teilnehmer:in hinter die Kulissen zu blicken. Teile den Post gerne mit deinem Netzwerk, besonders mit Menschen, die (Online-)Lehre machen! Falls Du selber Erfahrungen mit Online Workshops gemacht hast, schreib uns gerne als Antwort auf Twitter (Oder in die Kommentare dieses Posts auf LinkedIn): Was hat gut geklappt? Was hat gefehlt? Was hat Dich begeistert? Wir sind gespannt auf Deine Meinung!

Welche Tools gibt es?